Suchen & Finden
Mit nackten Füßen hocke ich im Gras. Mein Blick wandert konzentriert über die Wiese. Mit den Händen fahre ich durch den Klee. Ich kontrolliere Blatt für Blatt. Drei. Drei. Drei. Wieder drei.
Und dann, einen Tag später, laufe ich über dieselbe Wiese. Mein Blick schweift ziellos über das Grün – und plötzlich sehe ich es. Das vierblättrige Kleeblatt, das ich gestern noch so angestrengt gesucht hatte.
Einfach so.
Wir sind Suchende. Seeker. Wir suchen nach Antworten, nach Orientierung, nach dem einen Menschen, einer Aufgabe, dem richtigen Ort, nach Sinn, nach dem, was uns glücklich macht. Und das ist gut so. Suchen setzt uns in Bewegung. Es lässt uns Fragen stellen, aufbrechen, ausprobieren, uns entwickeln. Ohne die Suche würden wir vermutlich an vielen Orten bleiben, obwohl wir längst spüren, dass es Zeit ist weiterzugehen.
Wenn ich auf mein eigenes Leben blicke, dann waren es die Zeiten des Suchens, die mich auf neue Wege geführt haben. Die Suche nach mehr Tiefe, nach mehr Verbundenheit, nach mehr Bewusstsein, Ruhe und Stille.
Suchen hält uns in Bewegung. Und doch liegt darin auch eine gewisse Unruhe. Denn Suchen beinhaltet oft ein Noch-nicht. Etwas, das wir noch nicht wissen. Noch nicht haben. Noch nicht sind. Damit richtet sich unser Blick nach vorne. Auf ein Irgendwann. Wenn ich erst weiß, was ich wirklich will. Wenn ich den richtigen Ort gefunden habe. Den richtigen Menschen. Die sinnvolle Aufgabe. Die richtige Antwort. Wenn ich endlich angekommen bin…
Wir suchen in der Zukunft. So passiert es, dass wir übersehen, was vor uns liegt.
Hermann Hesse beschreibt in “Siddharta”Siddhartha genau diese Gefahr des Suchens. Wer sucht, richtet seinen Blick so sehr auf das, was er finden möchte, dass er womöglich nicht mehr offen ist für das, was ihm tatsächlich begegnet. Ich verstehe, was Hesse meint. Wer nur noch das Ziel sieht, wird blind für das, was links und rechts des Weges liegt. Er erlebt nicht mehr den Weg, sondern ist getrieben von der Vorstellung des Ankommens.
Vielleicht aber müssen wir gar nicht aufhören zu suchen. Vielleicht dürfen wir nur anders suchen. Vielleicht ist Suchen mehr ein achtsames Gehen mit offenen Augen und offenem Herzen. Ein In-Bewegung-Sein. Eine bestimmte Richtung haben. Statt mit einem Ziel vor Augen, spazieren wir mit einer Intention an der Seite.
Ein Ziel sagt: Dort will ich hin.
Eine Intention fragt: Wie möchte ich gehen?
Ein Ziel kann Orientierung geben. Es kann uns motivieren und Kräfte freisetzen. Aber wenn es zu groß vor uns steht, kann der Weg dorthin schnell zu etwas werden, das wir nur noch hinter uns bringen müssen. Eine Intention begleitet uns. Sie ist viel sanfter und weniger aufdringlich. Sie darf sich verändern. Mit uns wachsen.
Als ich Gaura Nataraja Das im Govardhan Eco Village interviewte, erzählte er mir von seiner Suche. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich auf den Weg machte, ohne genau zu wissen, wohin dieser führen würde. Aus dem Gefühl heraus aufbrechen zu wollen. Eines Tages ging er durch einen Park. Er suchte dort nichts. Er schaute nicht unter Parkbänke. Er grub nicht im Boden, um etwas zu finden. Er spazierte. Und dann sah er ein Buch: „Finding Yourself“.
Das Buch brachte ihn tiefer mit Meditation in Berührung, warf neue Fragen auf und wurde so zum nächsten Schritt auf seinem Weg. Gaura war ein Suchender. Ohne seine Suche wäre er vielleicht nie losgegangen. Aber in diesem Moment suchte er nicht nach dem Buch. Er war offen genug, es zu finden.
So wie ich als kleines Mädchen, das am nächsten Tag einfach wieder über die Wiese lief. Ohne angestrengten Blick. Offen genug es zu finden
das Glück.
Wir suchen in der Zukunft. Aber finden können wir nur im Moment.