Ich höre was, was du nicht hörst

„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Kaum ein Spiel begleitet uns so selbstverständlich durch die Kindheit wie dieses. Es schult unseren Blick. Das Erkennen von Farben, Formen und Gegenständen. Wer genauer hinsieht, gewinnt. Doch was wäre, wenn wir stattdessen lernen würden zu hören?

Ich höre was, was du nicht hörst, und das ist das Glitzern des Wassers im Sonnenlicht;
…das ist das Brummen einer Hummel am Blütenblatt;
…das ist der Regentropfen, der auf dem nassen Dach landet.

Wir leben in einer Kultur des Sehens. Unsere Aufmerksamkeit wird von Bildern gelenkt. Werbung verkauft über Oberflächen. Das Auffällige verkauft sich besser als das Unscheinbare. Eine Paprika wird so gezüchtet und behandelt, dass sie möglichst makellos aussieht. Ihre glänzende Oberfläche vermittelt Frische und Qualität. Über ihren Geschmack sagt sie wenig aus.

Dabei verwechseln wir Aussehen/Oberfläche mit Qualität. Nicht nur bei Lebensmitteln. Auch bei Kleidung. Bei Menschen. Bei Orten...

Das, was nach außen perfekt erscheint, überzeugt. Das, was leicht konsumierbar ist, keine Ecken und Kanten hat, wird gewählt. Das Sichtbare ist zu unserem wichtigsten Orientierungspunkt geworden.
Karlfried Graf Dürckheim beschreibt diese Eigenheit des Sehens eindrucksvoll: „Unsere Augen gehen über die Oberfläche der Dinge. Sie bedürfen nur einiger verstreuter Punkte und blitzartig füllen sie die Zwischenräume. Sie erahnen viel mehr, als sie sehen.“

Das Auge arbeitet schnell. Es ergänzt, bewertet und entscheidet. Wir trainieren es täglich genau darin. Wir scrollen durch eine Flut aus Bildern, ohne wirklich wahrzunehmen. Immer auf der Suche nach der nächsten Stimulation. Stille wird kaum mehr ausgehalten.
So entgeht dem Auge oft das, was Zeit braucht, um sich zu zeigen. Es gibt sich mit der Erscheinung zufrieden und hält sie nicht selten für die Wahrheit. Zwischen dem, was erscheint, und dem, was ist, liegt oft eine große Distanz.

Ganz anders verhält es sich mit dem Hören. Das Ohr gilt als ein fühlendes Sinnesorgan. Es springt nicht von Reiz zu Reiz. Hören beginnt dort, wo wir bereit sind, inne zuhalten. Es nimmt die Welt nicht über Oberflächen, sondern über Schwingung, Rhythmus und Klang wahr. Es verlangt Geduld, Präsenz und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen. Zuhören bedeutet, den Dingen Raum zu geben, sich zu entfalten. Wir müssen dem Wind unsere Aufmerksamkeit schenken, um ihn zu hören. Am Wasser verweilen, um es Fließen zu hören. Und mit etwas Geduld und Fantasie hören wir es vielleicht auch in der Sonne glitzern.

Wir sind es gewohnt, Erinnerungen mit den Augen festzuhalten. Schnell ist das Handy gezückt und ein Moment eingefangen. Dann verschwindet der Moment in einer Galerie mit Tausenden anderen.

Ein Freund teilte neulich seinen Tagebucheintrag mit mir. Dazu schickte er keine Fotografie, sondern eine Tonaufnahme vom Flughafen in Mumbai. Nichts hätte mich unmittelbarer an diesen Ort versetzen können.

Ram Dass sagt: "The quieter you become, the more you are able to hear."

Stille ist keine Abwesenheit von Geräuschen. Sie ist eine Form von Aufmerksamkeit. Je leiser es in uns wird, desto mehr beginnt sich zu zeigen. Gerade in einer Welt, die ununterbrochen um unseren Blick kämpft, wird Zuhören zu einer bewussten Entscheidung. Es führt uns weg von der Oberfläche und näher an das, was ist. An das, was uns wirklich berührt.

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